Die Digitalisierung als deutscher Albtraum: Hauptsache loslegen, nix läuft nach Plan, und das für immer

Dies ist der 3. Teil meiner Blog-Reihe zur Einführung in die Digitalisierung. Teile 1 und 2 finden sie hier und hier.

 

Teil 3

Halbe Sachen gibt’s nicht – oder?

Wir Deutschen sind ein Land der Perfektionisten. Wenn wir etwas machen, dann richtig. Diesem Perfektionismus haben wir sehr viel zu verdanken – von einem weltweit so tiefen Vertrauen in das Siegel “Made in Germany”, dass es selbst den besten Marketingleuten Tränen in die Augen treibt, bis hin zu einem öffentlichen System, dass nicht nur grundsätzlich funktioniert, sondern uns auch noch so schöne Dinge wie das Eintreffen eines Notarztes innerhalb von 5 bis 17 Minuten nach Absetzen des Notrufs beschert. Und wenn Ihnen, während Sie das hier lesen, erst mal in den Kopf kommt, dass bis zu 17 Minuten immer noch zu lang ist und in den Krankenhäusern, in die die Verletzten dann gebracht werden, ja wohl viel zu viel falsch gemacht wird und man da mal von Grund auf alles anders aufbauen müsste, dann – voilà! – gehören Sie auch dazu.

Man könnte diesen Perfektionismus auch Idealismus nennen. Wenn man sich mal richtig hinsetzen und alles von vorne bis hinten durch überlegen, an die “Schnittstellen” anpassen, und fundiert umsetzen würde, dann – so scheinen sich sehr viele von uns Deutschen sicher – ja, dann können wir alle unsere Ziele erreichen und absolut effizient sein und innovativ und100% akkurat und, und, und.

Wir überlegen uns also erst mal alles sehr genau, betrachten es aus allen Blickwickeln, und investieren viel Zeit in die Planung, damit das Endprodukt auch richtig gut wird – vor allem, wenn es dabei um etwas absolut Neues geht. Weitere Anpassungen, oder noch besser, Optimierung sind dann nur noch für kleine Änderungen gedacht, denn das Wesentliche stimmt und kann jetzt auch erst mal für eine Weile so bleiben.

Entsprechend ist es nur verständlich, dass deutsche Unternehmen dem Thema Digitaler Wandel eher zögerlich begegnen. In Statistiken, Gesprächen, Berichten und einer unglaublichen Anzahl von Konferenzen zu so ziemlich jedem digitalen Thema zeigt sich, dass Unternehmen und deren Entscheider zwar oft untätig erscheinen mögen, sie das Thema Digitalisierung jedoch nicht ignorieren; im Gegenteil, sie beschäftigen sich sogar ausgiebig damit. Das Problem ist nur: Die Digitalisierung ist schnell, sehr schnell. Es gibt ständig neue Entwicklungen, und kaum hat man etwas verstanden oder umgesetzt, ist es auch schon überholt.

 

Kleine Schritte statt große Sprünge

Das bedeutet, dass sich Entscheider vom Idealbild des perfekt abgestimmten, reibungslosen System, welches nur kleine Optimierungen benötigt, verabschieden müssen – zumindest, was die Umsetzung angeht. Wie bereits im ersten Blogpost dieser Reihe erwähnt, ist es unumgänglich, eine klare Strategie der Digitalisierung zu verfolgen und ein Ziel vor Augen zu haben. Der Weg dorthin setzt sich jedoch aus vielen kleinen Schritten statt großer Sprünge zusammen, und neben vorwärts geht es auch seitwärts und eventuell auch mal rückwärts. Bei Schritten statt Sprüngen besteht der Vorteil, dass ein falscher Schritt weitaus schneller korrigiert werden kann als ein großer Sprung, und man weitaus flexibler ist, wenn sich Technologien oder Trends abrupt ändern.

 

Das Ziel vor Augen haben – nicht den Plan

Dazu kommt auch, dass die Digitalisierung des eigenen Unternehmens ohnehin nicht nach Plan laufen wird. Zum einen, weil es nie vorkommt, dass ein Projekt wirklich genau so verläuft, wie man es geplant hatte, und zum anderen, weil sich technologische, wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Trends sich so schnell entwickeln, dass man gar keine andere Chance hat, seine Pläne im Rahmen der Digitalisierung immer wieder anzupassen und umzuschreiben. Wie bereits im zweiten Teil dieser Reihe erwähnt – Innovation ist grundsätzlich chaotisch. Daher ist es wichtig, eine klare Vorstellung der angestrebten Richtung zu haben als einen detaillierten Fahrplan, wie man dort hinkommen möchte.

 

Es gibt kein Ende

Zu guter Letzt gibt es noch eine weitere Tatsache, der man sich bewusst sein muss: Der Digitale Wandel ist aktuell eine wirtschaftliche, technologische und gesellschaftliche Veränderung die zu einer Digitalisierung vieler bisheriger Abläufe und Praktiken führt. Es ist jedoch nicht so, dass der Digitale Wandel vorbei ist, sobald dieses Ziel erreicht ist; im Gegenteil: Der Digitale Wandel wird ein neuer Zustand an sich, also ein andauernder Prozess. Die digitale Entwicklung geht immer weiter, und so wird die Digitalisierung des eigenen Unternehmens per Definition nie fertig sein und nie zu einem perfekten Ergebnis führen.

Entsprechend ist es auch in dieser Hinsicht wichtig, flexibel zu sein, einfach einmal anzufangen und dann lieber später Anpassungen vorzunehmen als weiter abzuwarten um zu sehen, wie sich die Dinge entwickeln. Denn die entwickeln sich immer weiter, und je länger man damit wartet, sich auch auf die digitale Bahn zu begeben, umso schwieriger ist es, mit der Digitalisierung an sich und mit den Wettbewerbern Schritt zu halten.

 

Vom “Albtraum” zur Chance

Eine solche grundlegende Umstellung der eigenen Handlungs- und Denkweise ist selbstverständlich nicht einfach. Auch wenn die Digitalisierung sich aktuell für viele noch wie Neuland anfühlt – grundsätzlich zeichnet sich der Erfolg deutscher Unternehmen vor allem auch dadurch aus, dass sie sich vor Neuland nicht scheuen. Ob es andere Märkte sind, an die man sich anpasst, die Globalisierung an sich, oder jetzt an die Digitalisierung – am Ende geht es um den Blick für’s Wesentliche und den Mut Neues zu wagen. Und das konnten deutsche Unternehmen schon immer.